Psychologie: Vorurteile

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Lidskjalfr
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Psychologie: Vorurteile

Ungelesener Beitrag von Lidskjalfr » 19. April 2016, 22:06

Vorurteile


Beurteilen müssen wir, um überhaupt handlungs- und lebens-fähig zu sein.
Eine Sachlage, eine Situationen, eine Gegebenheit, eine Personen, ein Ereignis, ein Produkt, etc..

Fatal ist jedoch die Neigung des Menschen, sich "Urteile" zu bilden, ohne hinreichend oder überhaupt Etwas wahr genommen zu haben, was tatsächlich als Parameter für die Beurteilung des Gegenstandes besagter Beurteilung, geeignet wäre. Diese, so gebildeten "Urteile", bezeichnen wir als Vor-Urteile.

Eine sinnvolle und vernünftige Beurteilung muss das Ergebnis einer, durch den logischen Verstand erfolgte Analyse und Auswertung von relevanten verifizierten Fakten sein, die in der Folge wiederholt auf Richtigkeit und Aktualität überprüft werden.

Gesetzt der Fall; eine Person beabsichtigt einen Raum zu betreten, welchen sie noch nie von innen gesehen hat (auch nicht mit Hilfe von "para-psychologischen Fähigkeiten",welcher Art auch immer), ihr wurde nie von ihm berichtet, sie kennt kein Photo davon und weder den Eigentümer noch sonst irgendwelche Nutzer sind ihr bekannt.
Besagte Person ist felsenfest davon überzeugt, daß die Wände des Raumes, hellblau getüncht sind, eine dunkelbraune Kommode, links neben dem Eingang steht und ein Tisch mit einer geblümten Tischdecke, in der Mitte. - Weil; ihr vor einer Stunde eine grau-weiß gefleckte Katze über den Weg gelaufen ist :!:
(Ich kann verraten, daß der Raum in Wirklichkeit, beige getüncht ist und völlig leer.)

Was sollen wir von der Art und Weise der "Schlussfolgerung" und der "kognitiven Leistung" dieser Person halten?
Wenn jetzt Jemanden spontan einfällt: "Das ist doch pathologisch!", kann ich Dies leider nicht ganz in Abrede stellen, - denn; streng genommen und in Anbetracht eventuellen Auswirkungen, - ist es Dies!
Und: Wir sind Alle nicht völlig frei davon :!:
Einige mehr Andere weniger und das scheinbare "Wissen" von Vielen, beruht fast ausschließlich auf Vorurteilen.

Vorurteile werden nicht durch logischen Verstand, Analyse oder Vernunft gebildet.
Assoziatives Denken, simpelste Verknüpfungen, Denkmuster, Prägungen, Konditionierungen, Programmierungen, sind dafür verantwortlich. Viele damit verbundenen kognitiven Prozesse, finden im Zwischenhirn (Thalamus, Epithalamus, Subthalamus, Hypothalamus und Metathalamus) statt.
So kommt es, das komplexe Vorstellungen, die für "wahr" gehalten werden, allein durch eine optische Wahrnehmung, ein Geräusch, ein Wort, eine Redewendung, eine Melodie oder einen Geruch ausgelöst werden, die in Wirklichkeit entweder kaum oder in überhaupt keiner Weise, mit diesen Vorstellungen zu tun haben.

Schon das vielmals wiederholte Hören oder Lesen von Sätzen, in denen zwei Dinge, Personen, Ereignisse, Eigenschaften, etc. erwähnt werden, können solche Muster und Verknüpfungen einprägen. - selbst, wenn die Aussagen in den erwähnten Sätzen vom Bewusstsein anfangs als falsch oder irrsinnig erkannt werden oder in der Aussage selbst, keine Verbindung der beiden Dinge, Personen, Ereignisse, Eigenschaften, etc., offensichtlich hergestellt wird.
Werbung und Propaganda machen sich Dies, sehr erfolgreich zu Nutze.

Auch oftmals gesehene oder emotionell aufwühlende Filme, können solche Verknüpfungen, quasi; "einbrennen". - Besonders wirkungsvoll sind in dieser Hinsicht jedoch traumatische Erlebnisse. Auch, wenn Diese schon lange zurück liegen oder gar m Kleinkind-Alter eintraten und gar nicht mehr bewusst im Gedächtnis sind.

Schauen wir uns mal ein paar Beispiele an, um die "Mechanismen" von Vorurteilen ersichtlich zu machen.
Beispiel; 1:
Holger war, als er etwa 11 Jahre alt war, mit seinem Vater in der Stadt. In der Gosse sahen sie einen pöbelnden Volltrunkenen liegen, der einen unangenehmen Geruch ausströmte und einen Vollbart hatte. Sein Vater zog ihn mit sich fort auf die andere Straßenseite und ereiferte sich über Alkoholiker und Stadtstreicher. Dabei zählte er auch allerlei unangenehme Eigenschaften dieser Leute auf, die eben ihm, im Rahmen seiner Vorstellungswelt so einfielen.
- Holger ist inzwischen 25 und ist, auf Grund eines lukrativen Jobs, den er im Folgemonat antreten soll, im Begriff in eine andere Stadt zu ziehen. Nun sucht er ein Zimmer. Nach längerer Suche, entschließt er sich ein Zimmer zu mieten, welches ein junger Lehrer untervermietet. Dies tut er mit Widerwillen, denn ihm fiel auf, daß der Lehrer einen Vollbart trug. Auch glaubte er einen unangenehmen Geruch wahr zu nehmen.
Schon kurz nachdem er in dem Zimmer eingezogen war, bereut er schon seine Entscheidung. In einem Irish-Pub, in der Nähe, trifft er seinen Vermieter an. Dieser hat tatsächlich ein Bier vor sich stehen. Holger sieht all seine Befürchtungen bestätigt und fühlt sich von nun an, äußerst unwohl in seinem Zimmer. aber auch auf der Arbeit plagt ihm die Angst, dieser "Alkoholiker" könnte in sein Zimmer eindringen und Was-auch-immer anstellen. Fieberhaft sucht er nach eine andere Wohnung, doch Solche sind nicht so leicht zu finden.
(In Wirklichkeit war der junge Lehrer kein Alkoholiker. Ganz im Gegenteil, trank er selten Alkohol und das in Maßen. Auch legte er viel wert auf Hygiene.)

Beispiel; 2:
Max wurde im Alter von 6 Jahren, von einem roten Auto angefahren. Der Fahrer ist ein Mann mit Schnauzbart und tiefer Stimme, der heftig am schimpfen ist. Max trug zwar keine wirklich schlimmen Verletzungen durch diesen Unfall, aber Schmerzen hatte doch eine Zeit lang. Auch die ganze Aufregung und ihm peinliche Befragungen, der Besuch beim Arzt und das ganze Drumherum, prägte sich bei ihm ein.
- Nun ist er 19 und kommt nach der Grundausbildung zu seiner Stamm-Einheit. Schon bei der Ankunft in der Kaserne, fällt ihm ein Mann mit Schnauzbart auf, der eine recht tiefe Stimme hat. Ein unangenehmes Gefühl durchzuckt ihn. Dieses Gefühl wird für ihn zu einer "Gewissheit", als er sieht, daß besagter Mann Einen Seesack aus einem, auf dem Parkplatz stehenden roten Wagen holt.
Mit Entsetzen erfährt er nun, daß dieser Mann, der Fw Schröder genannt wird, von nun an sein unmittelbarer Vorgesetzter ist.
Nun, wie soll es anders sein: Egal, was Fw Schröder tut, Max scheint in Allem eine Bestätigung zu finden, daß dieser Mann bösartig ist und nur Übles von ihm kommen kann.
Max ist nicht dumm und es ist ihm zugute zu halten, daß er versucht, logisch nachzuvollziehen, was ihn zu dieser Ansicht bringt. Denn nicht alle scheinbaren Indizien erscheinen ihm schlüssig. Doch er hatte des Öfteren schon von Intuition gelesen. Jetzt war es ihm klar; also "aus dem Bauch heraus" wusste er, daß sein Feldwebel ein ganz übler Mensch war Nun schien ihm Alles klar.
(Nun, in Wirklichkeit, war dieser Feldwebel Schröder, ein recht anständiger Kerl, der sich für seine Soldaten einsetzte, kameradschaftlich war und nicht übermäßig streng mit ihnen umging. Max hätte sich eigentlich glücklich schätzen können, gerade so einen Vorgesetzten zu bekommen.)

Vorurteile werden einfach, als unverrückbare Tatsachen, "abgespeichert". Sie werden, so lange keine wirklich aufrüttelnden Ereignisse einen dazu zwingen, nicht hinterfragt - und kognitiv als Konstante in allen Überlegungen einbezogen, wie etwa die Schwerkraft oder das Wasser nass ist. Alle weiteren Wahrnehmungen, welche diese Vorurteile aufheben könnten, werden regelrecht "ausgeblendet". Die Wahrnehmung ist in Bezug zu ihnen, äußerst selektiv.
- So lösen Vorurteile eine regelrechte Flut von "Mechanismen" aus, die, sozusagen, zu ihrer "Selbsterhaltung" dienen und verhindern, daß sie ausgeräumt werden.

Vorurteile entstehen jedoch auch noch auf anderer Weise, als Oben schon dargelegt:
Exempli causa; die innere und äußere "Erlebens-Welt"
Oft wird, leider häufig als Floskel, gesagt: "Der Mensch geht immer von sich aus.".
Wenn Dies auch etwas arg vereinfachend ausgedrückt ist, so ist dennoch etwas Wahres daran.
Eigene Eigenschaften, Gewohnheiten, Tugenden und Untugenden, werden häufig bei Anderen einfach vorausgesetzt oder auf sie projektiert.
Dennoch ist die Ansicht, die von vielen Esoterikern und Möchtegern-Psychologen (auch von Promovierten) vertreten wird; Alles was einem bei Anderen aufregt oder stört, wäre zwangsläufig eine eigene Eigenschaft, zu allgemein und bei Weitem nicht immer und/oder bei Jedem zutreffend.
So ist zum Beispiel Jemand, der sich über Unehrlichkeit aufregt, da er sie eben nicht mag aber in dieser Gesellschaft allzu häufig damit konfrontiert wird, nicht zwangsläufig ein notorischer Lügner.
Um Jemanden einigermaßen einschätzen zu können, sollten da doch einige weitere Parameter zu Rate gezogen und auch weitere Indizien gesammelt werden.

Weiterhin werden Vorurteile auch von dem Umfeld, der Kultur und anderen äußeren Bedingungen begünstigt, die eben auch Erlebnisse mit sich bringen, die Muster "einbrennen", und oft genug gehörte Aussagen, sind, wie schon anfangs erwähnt, ebenfalls als vermeintlich "unverrückbare Tatsache", nach einiger Zeit, abgespeichert".

Ängste und Wunschdenken begünstigen Vorurteile, aber auch der, mit sich Unzufriedene, neigt dazu, Alles an Übel, was er sich vorstellen kann, auf Andere zu projektieren. Besonders gerne auf Menschen, Gruppen, oder Kulturen, die eben "anders" sind. Derjenige der Vorurteile pflegt, empfindet "die Anderen" oft als homogene Masse, die in seiner Vorstellung einheitlich ein, zuweilen recht komplexes Sammelsurium an Eigenschaften aufweist. Dies wird von ihm auf ganze Gruppen, Völkerschaften oder das andere Geschlecht projektiert.

Vorurteile hat der Mensch nicht nur gegenüber Personen und Menschengruppen, sondern auch bezüglich Ereignissen, Gegebenheiten, etc..
Vorurteile sind fatale Irrtümer, die nur sehr schwer auszuräumen sind - und sich in den meisten Fällen, übelst auswirken.

Nur durch ständige Selbst-Reflektion und Selbst-Kontrolle, können wir Vorurteile aufspüren und auflösen. Der ehrlichen Überprüfung mit wirklich für eine entsprechende Beurteilung relevante Fakten, halten Vorurteile kaum stand.

Unter "Vor-Urteilen", verstehen Viele ein "Vor-Verurteilen", was ja zuweilen mit Vorurteilen Hand in Hand geht.

Unter "Vor-Urteil" verstehe ich aber eher eine "scheinbare Beurteilung, die zwar auch häufig Menschen trifft, aber auf alles bezogen sein kann. Zum Beispiel; die Verhältnisse in einem Land in dem man noch nie war, das aussehen einer Höhle im Himalaya, in der man noch nie war, eine Gegebenheit oder Eigenschaft, die man noch nicht überprüft hat, etc..
Vorurteile lassen einen glauben, über Etwas Bescheid zu wissen, über Das man überhaupt Nichts weiß oder wissen kann - und werden als selbstverständlicher Fakt, der nicht hinterfragt wird, gehandhabt.

Die Gründe für die Vorurteile von Max, sind tatsächlich höchstwahrscheinlich auf ein Trauma zurück zu führen. Dieses löst viele Reaktionen aus, wenn ein entsprechender "Drigger" wahr genommen wird.
Diese jedoch, initiieren wiederum ein Vorurteil.


Es gibt sehr viele, recht unterschiedliche Arten von Vorurteilen. Alle verbindet,daß be-vor irgendeine, für das Objekt auf welches das Vorurteil gerichtet ist, relevante Information einem zur Verfügung steht, eine Be-urteil-ung statt findet.
Vorurteile gehören zur großen Familie der Irrtümer, unterscheiden sich aber in einem wichtigen Punkt von Anderen. Nämlich, das keinerlei relevante Informationen vor liegen.
Bei anderen Irrtümern, liegen Informationen oder zumindest Indizien vor. Diese anderen Irrtümer beruhen zum Beispiel auf fehlerhafte Informationen, Fehlinterpretierung von Informationen, Fahrlässigkeit in der Deutung der Informationen, eigene Denkfehler, das für Fakten halten von Indizien oder Vermutungen, Falschinformationen oder das man schlicht belogen wurde, etc....


Max aus Beispiel 2, glaubt ja, um sich seine Abneigung gegen seinen Feldwebel erklären zu können, er würde es intuitiv merken, daß Dieser ein übler Typ sei. Max bildet sich aber nur ein, das die Abneigung von seiner Intuition käme, da er es sich eben nicht so recht anders erklären kann.

Bei einem Vorurteil, ist ausschlaggebend, daß keinerlei Wahrnehmungen erfolgten, die irgendwie auf die Eigenschaften hinweisen könnten, die durch das Vorurteil als felsenfeste "Wahrheit" angenommen werden. Zu den nicht erfolgten Wahrnehmungen, habe ich auch "parapsychologische Fähigkeiten", wie Intuition, Wahrträume, etc, gezählt, was ich ja ganz zu Anfang (in Klammer) auch als Wahrnehmungs-Möglichkeit nicht ausgeschlossen habe.